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Das Leben in Russland und Vorurteile Teil 1 - Жизнь в России и предрассудки част

.alex | Veröffentlicht am do Feb 18, 2021 10:54 am | 250 Gesehen

"Ihr Russen wieder..."  "Typisch russisch halt"

Das bekomme ich häufig zu hören. Meistens belächle ich die Menschen, weil die meisten gar nicht wissen, was russisch eigentlich ist.

Russisch ist viel mehr als die Matroschka (Матрешка), Wodka oder ein riesiges Land.


Da ich mit 4 Jahren aus Russland adoptiert wurde, möchte ich euch aus meinen Erinnerungen an mein Leben dort erzählen und auch einige Vorurteile aufklären, die sich immer noch hartnäckig in der Gesellschaft halten.


Generell ist die Arm-Reich Schere in Russland ziemlich groß. Während ein Teil dort so reich ist wie eure Eltern ganz bestimmt nicht, weil wir uns das hier gar nicht vorstellen können, lebt der andere Teil in Holzhütten am Waldrand.

Ich persönlich gehöre zur zweiten Gruppe. Mit drei habe ich kaum mehr als 7 Kilo gewogen und mit 4 1/2 haben mich meine jetzigen Eltern auf 12 Kilo hochgepäppelt.

Was mit meiner Mutter war, weiß ich nicht.

Von meinen Eltern und vom Kinderheim wurde erzählt, dass sie nie zuhause war und meine  Schwester und mich in den Hinterlassenschaften liegen gelassen hat.

Ich denke, sie war betteln oder hat anderweitig versucht, an Geld zu kommen. Meine große Schwester, einigermaßen gesund, ist also im winzigen Dorf mitten in der Waldrandpampa herumgeirrt und hat die Anwohner dort um Essen angebettelt. Mit ein paar Monaten bin ich dann ins Krankenhaus in Ekaterinburg gekommen. Ekaterinburg ist etwa so groß wie Berlin, wenn nicht sogar ein bisschen größer.

Dort wurde ich dann aufgepäppelt und zurückgebracht. Als das Jugendamt dann gemerkt hat, dass sich nichts ändert, haben sie mich und meine Schwester in ein Heim gesteckt.

Das Heim könnt ihr euch jetzt ähnlich wie eine große Wohnung vorstellen.

Dort gab es zwei Kategorien.

Ein Heim für die "Kleinen", das ging von ein paar Monate bis vier Jahre, glaube ich. Danach kam ich in das Heim für die "Großen". Von vier Jahre bis volljährig. Volljährig ist man in Russland übrigens mit 18, teilweise auch schon mit 16.

Dort gab es keine Einzelklamotten für jeden, sondern man musste sich aus den Heimklamotten immer etwas raussuchen. Das Heim bestand hauptsächlich aus Küche, Esshalle, großer Aufenthaltsraum mit Spielsachen, Toiletten, Schlafräume. Da in dem Heim sehr viele Kinder waren, gab es Einzelzimmer, jeweils mit ca. 5 Kindern. Dazu kamen ein Outdoor Spielkäfig (ja wirklich ein Käfig, alles vergittert) und ein Besuchszimmer.

Essen gab es nicht so abwechslungsreich, Obst war Fehlanzeige.

Die Erzieherinnen und teilweise auch Erzieher waren manche auch Pflegeeltern. Ich habe manchmal bei einer Frau gelebt, die ich "Mama Sweta" genannt habe.

Dort war alles aus Holz. Genauso eine Holzhütte, Bad war aus Holz draußen im Garten, da es keinerlei Nachbarn gab. Hinter der Hütte war ein großes Feld und vor der Hütte ein Kiesweg, der in den Wald hineinführte. Die Frau hatte einen Golden Retriever und einen echt fetten Mann.


Nun habe ich in diesem Heim so lange gelebt bis unsere Eltern uns adoptiert haben.

Die Geschichte meiner Schwester lasse ich absichtlich wegen Datenschutz weg.


Ihr seht also, sofern man reich in Russland ist, lebt man dort so wie hier oder in Saus und Braus. Wenn man aber ärmer bis arm ist, endet man so wie ich.

Um generelle Fragen zu beantworten, sage ich noch etwas allgemein: In unserem Dorf hatte es im Winter bis zu -40°C und im Sommer bis zu 40°C.

Über unseren Vater weiß ich nichts. Genauso wenig, was unsere Mutter gemacht hat, weil besucht hat sie uns nie. Ich vermisse niemanden.


Wenn ihr weitere Fragen habt, schreibt mir gerne eine Private Nachricht oder schreibt es in die Kommentare. (Wenn es da welche gibt... ;)


LG,

.alex


PS: Für Teil 2 bitte noch ein wenig Geduld haben, das kommt noch

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